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Medizin
Praxisrecht


Form und Aufbau des medizinischen Gutachtens

01.08.2017
 - Dr. B. Kopetz

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Zur Form und zum Aufbau des medizinischen Gutachtens liegen keine allgemeinen, bindenden Vorschriften vor. Jedoch haben sich in der Praxis bestimmte Formanforderungen durchgesetzt. So ist es unerlässlich, formale Angaben darzulegen, wie z.B. den Auftraggeber mit seinem Aktenzeichen zu benennen, die Seiten des Gutachtens durchgehend zu nummerieren und mit dem entsprechenden Aktenzeichen zu versehen.

Die Berufsbezeichnung des Gutachters sowie die vertretende Institution sollten gleichfalls eindeutig hervorgehen. Der Anlass bzw. die Fragestellung des Gutachtenauftrages findet sich üblicherweise im Anfangsteil des Gutachtens. Dabei ist es unerlässlich, die aufgeworfene Fragestellung des Auftraggebers nahezu identisch zu übernehmen. Des Weiteren ist es notwendig darzustellen, auf welches Ausgangsmaterial (Akten, zusätzliche Berichte, bereits vorliegende Gutachten etc.) sich die Begutachtung stützt. Empfehlenswert und das Gesamtverständnis des vorgelegten Gutachtens fördernd ist die Darlegung des wesentlichen Sachverhaltes.

 
Hierbei ist das Ausgangsmaterial (die vorgelegte Akte) zu sichten und wesentliche Inhalte unter Angabe der Seitenzahl der Ursprungsquelle niederzulegen sowie der wesentliche Sachverhalt aus der Sicht der medizinischen Fragestellung zu zentrieren.
Eigene Untersuchungen müssen als solche unter Angabe des Ortes und des Zeitpunktes der Untersuchung dargestellt werden. Bei Untersuchungen - z.B. in der Psychologie und in der forensischen Psychiatrie -, die mit Testverfahren arbeiten, sind die angewandten Testverfahren, auch in ihren Modifikationen, anzugeben und insbesondere Methoden der Auswertung sowie Bewertungen der Ergebnisse nachvollziehbar darzustellen.

Dies bereitet mitunter Schwierigkeiten in der Nachvollziehbarkeit, z.B. wenn Zeichnungen der Probanden psychoanalytisch interpretiert werden.

Im Hauptteil des Gutachtens, in der Beurteilung, wird die gestellte Frage unter Ausschöpfung aller Informationen gutachtlich bearbeitet und mit der Darlegung der medizinischen Lehrmeinung beantwortet. Nicht selten wird der Gutachter nach einer Wahrscheinlichkeit bzw. Sicherheit, ausgedrückt in Prozent, und nach einer Prognose befragt.

Bei der Beantwortung dieser Frage ist ausgesprochene Vorsicht geboten. Sicherlich kann man den Verlauf einer Erkrankung prognostisch mehr oder weniger allgemein nach statistischen Untersuchungen beurteilen. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass bei der Begutachtung immer der konkrete Einzelfall den Mittelpunkt darstellt. Juristen geben sich in den meisten Fällen mit allgemeinen Aussagen nicht zufrieden: "Es kann so oder auch so ausgehen". Der Sachverstndige wird gedrängt, genau wie die Wahrscheinlichkeit auch die Prognose in feste Zahlenbezüge zu setzen, z.B.: "Hätte der Patient noch zwei Stunden länger leben können?" oder "Wann exakt ist mit dem Todeseintritt zu rechnen?" oder "Wann ist die vollständige Ausheilung der Krankheit vollzogen?".

Es versteht sich von selbst, dass die Prognose in der Medizin nicht in derartige Zahlen gekleidet werden kann, z.B.: "Der Patient hat noch drei Monate Überlebenszeit". Mit Zahlenangaben wird eine Sicherheit vorgetäuscht, die sich sachlich in keinem Fall begründen lässt.  An dieser Stelle muss der Kollege sich die Frage gefallen lassen, ob der Patient auch vier oder fünf Monate überleben kann.

Die Prozentzahlen der Sicherheit zur Feststellung des Kausalzusammenhanges sind gleichfalls nicht unproblematisch. Eine Ausnahme bildet hierbei die Berechnung der Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft nach der Essen-Möller-Formel, die im Weiteren nicht behandelt werden soll.

In allgemeinen rechtlichen und auch medizinischen Mitteilungen findet man bei der verbalen Beurteilung einer Wahrscheinlichkeit folgende Prozentzahlen (eine Quelle konnte nicht ermittelt werden):

100%mit Sicherheit
über 98-99%mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
90-98%mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
80-89%mit hoher Wahrscheinlichkeit
70-79%mit höherer Wahrscheinlichkeit
über 50-69%mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
50%jede der Möglichkeiten ist genauso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich
10-49%ein Zusammenhang ist zwar möglich, aber eher äußerst unwahrswcheinlich
0,3-9,9%ein zusammenhang ist möglich, aber äußerst unwahrscheinlich
unter 0,2%mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen

Jedem, der einen Kausalzusammenhang unter diesem Aspekt beurteilt, wird deutlich, dass das in der Medizin mit dieser Exaktheit nicht möglich ist. Exakte, zuverlässige und nachvollziehbare statistische Untersuchungen fehlen sehr oft, sodass man auf Erfahrungssätze zurückgreift und damit natürlich einer gewissen Subjektivität Raum lässt, insbesondere wenn Übergangsbereiche zur Beurteilung anstehen.

Folglich ist dem juristischen Streben nach exakten Zahlenangaben nur vorsichtig und mit der nötigen Erläuterung einer möglichen Toleranz nachzugeben bzw. darzustellen, dass derartige Zahlenspiele eine Genauigkeit nur vortäuschen.

Ein umfangreicheres Gutachten schließt immer mit der Zusammenfassung und der gezielten Beantwortung der Fragestellung. Aus der Praxis sei vermerkt, dass das vorgelegte Gutachten von den Richtern quasi von hinten gelesen wird und man zunächst in der Zusammenfassung nachliest, ob und wie die Fragestellung sachkundig beantwortet worden ist.

Bei kürzeren Gutachten kann durch Wegfall der Zusammenfassung durchaus veranlasst werden, das gesamte Gutachten in der logischen Folge zu lesen. Unabhängig davon ist es empfehlenswert, in der Beurteilung wichtige Feststellungen durch das Schriftbild hervorzuheben. Bei der Erarbeitung der Zusammenfassung ist unbedingt darauf zu achten, dass sich nicht die kleinsten Widersprüche zwischen den Darlegungen in der Beurteilung und in der Zusammenfassung ergeben. Mitunter erfordert die Zusammenfassung einen erheblichen Zeitaufwand.

Den Abschluss eines Gutachtens bildet die Eidesformel mit der eigenhändigen Unterschrift. Anlagen in Form von Literaturverzeichnissen, Bildern, Diagrammen etc. können bei Notwendigkeit durchaus folgen.

Bemerkt sei noch, dass das Gutachten nicht dadurch an Qualität gewinnt, wenn unzählige Literaturquellen aufgelistet werden. Im Zeitalter der Internet- Recherche ist es ohnehin relativ einfach, reichlich Literatur zu finden.
Entscheidend bei der Literaturbearbeitung ist die exakte Darstellung der Lehrmeinung. Es ist immer wieder zu beobachten, dass Gutachter durch eine Partei in ihrer Glaubwürdigkeit erschüttert werden sollen, indem Literaturzitate aufgeworfen werden, die scheinbar eine andere Lehrmeinung vertreten.

In aller Regel handelt es sich aber nicht um die Lehrmeinung, sondern um Einzeldarstellungen bzw. Untersuchungen, bei denen die Nachprüfbarkeit und Verallgemeinerung noch aussteht bzw. aus der Zusammenfassung des Literaturbeitrages nicht ohne weiteres gegeben ist.

Gleichermaßen sollte der Umfang des Gutachtens in der Seitenzahl nicht durch endlose Literaturlisten hochgetrieben werden. Es ist auch bei der Form des Gutachtens zu beobachten, dass durch einen sehr großen Zeilenabstand bzw. breite Ränder die Seite sehr bescheiden genutzt wird. Hier bringt man sich schnell in den Verdacht, die Schreibkosten ungerechtfertigt auszunutzen.

Für die Unterschrift ist es maßgeblich, wer zum Gutachter bestellt worden ist. Auch bei Hinzuziehung von Kollegen und anderen Hilfskräften unterschreibt der benannte, verantwortliche Sachverständige. Die Fremdleistungen sind im Gutachten kenntlich darzustellen, nachdem jedoch geprüft worden ist, ob die Fremdleistung überhaupt delegationsfähig ist.

Rechtlich wurden Gutachtenerarbeitungen gerügt, bei denen der Gutachter den Streitstoff nicht persönlich durchdrungen, sondern den eigentlichen Hauptteil des Gutachtens an Mitarbeiter delegiert und dann das Gutachten unterschrieben hat: "Einverstanden aufgrund eigener Überzeugungsbildung." Problematisch ist es immer, wenn der Leiter einer Einrichtung das Gutachten durch einen Mitarbeiter erarbeiten lässt.

Bei Gerichtsbeschlüssen, die den Leiter einer Einrichtung als Gutachter bestellen, ist eine Weitergabe des Gutachtenauftrages unzulässig. Gleichfalls ist es unzulässig, das Gutachten durch einen Mitarbeiter der Einrichtung erarbeiten zu lassen und der Direktor der Einrichtung unterschreibt und vertritt dieses Gutachten. Es würde sich hierbei um eine Falschaussage handeln.

Es ist auch zu bedenken, dass sehr oft das schriftliche Gutachten im Gerichtstermin mündlich vorgetragen und vertreten werden muss. Dabei werden oftmals weiterführende Informationen bzw. Diskussionen über Randprobleme abverlangt, die demjenigen, der das Gutachten erarbeitet hat, durchaus geläufig sind. 

In derartigen Diskussionen verrät sich der Nichtbearbeiter sehr schnell und es entstehen geradezu peinliche Situationen.
Die übliche Praxis, dass der Direktor einer Einrichtung das durch einen Mitarbeiter, der ebenfalls mit der Gutachtenerstellung beauftragt wurde, erarbeitete Gutachten als "gesehen" gegenzeichnet, ist rechtsunerheblich und sachlich všllig ohne Bedeutung.
Selten wird eine Einrichtung ohne nähere Bezeichnung des Gutachters allgemein beauftragt. In diesem Falle ist durch den Leiter der Einrichtung zu entscheiden, wer das Gutachten bearbeitet, und damit liegt die Verantwortlichkeit bei dem Benannten.

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