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Sport
Sportwissenschaft


Aufrecht durchs Leben - Dehnen, Persönlichkeit und Haltung

01.08.2017
 - Prof. Dr. phil. Jürgen Freiwald

Die Körperhaltung steht in engem Zusammenhang mit der Persönlichkeit
Die Körperhaltung steht in engem Zusammenhang mit der Persönlichkeit

Dehnungen und gleichzeitige Kräftigungen sollen eine bessere Haltung garantieren. Das ist leicht gesagt - würde es doch bedeuten, dass jeder Sportler mit gut ausgeprägter Muskulatur auch eine gute Haltung hat. Das ist jedoch nicht der Fall - auch Hochleistungssportler können eine äußerst schlechte Haltung haben.

Dehnung und Persönlichkeit

Bei der Beurteilung der Haltung sollte man immer bedenken, dass die Körperhaltung mit der Persönlichkeit des Menschen in Zusammenhang steht. Man kann »vor Gram gebeugt« sein, einen »Nackenschlag« erleiden oder es kann einem Menschen »etwas im Magen liegen«. Auch Aufregung in bestimmten Situationen, z.B. beim Sportler vor einem Wettkampf oder beim ersten Besuch eines Fitnesszentrums, kann die Dehnfähigkeit der Muskulatur beeinträchtigen.

Wie die Psyche auf die Dehnfähigkeit Einfluss nimmt, kann man am Beispiel der Atmung erkennen. Während der Phase des Ausatmens kann man sich besonders gut entspannen, was man sich auch im Rahmen meditativer Techniken zunutze macht. Die Erklärung dafür, dass die Psyche auf die Muskulatur wirkt ist recht einfach, da der Zustand der Psyche mit nervösen und hormonellen Veränderungen gekoppelt ist.

Stress ist mit der Ausschüttung von speziellen Hormonen (z.B. Katecholaminen) gekoppelt, die innerhalb weniger Millisekunden, z.B. auf die Muskelspindelaktivität, wirken. Unter Stress (Sportler = z.B. Vorstartzustand, Patient = Angst z.B. vor Schmerz) wird die Muskulatur verstärkt aktiviert und der Sportler (Patient) reagiert sensibler auf Änderungen der Muskellänge (Dehnen).

Dehnen und Körperhaltung

Dehnfähige und kräftige Muskulatur ist nur eine Voraussetzung für eine gute Haltung. Für eine aufrechte Haltung sind, je nach gemessener Muskulatur, beim gesunden Menschen keine 5-10 % der maximalen Muskelkraft notwendig. Daher ist es falsch zu behaupten, dass in erster Linie die Muskelkraft für eine gute Haltung verantwortlich sei. Eine gute Haltung ist sowohl von Persönlichkeitsmerkmalen als auch vom Wissen um eine gute Haltung abhängig. Zur Beeinflussung der Körperhaltung genügt es demnach nicht, ausschließlich die Muskulatur zu trainieren. Um die Haltung des Menschen grundlegend zu beeinflussen, muss seine gesamte Persönlichkeit in den Blick genommen werden.

Wenn Dehnung und Kräftigung der Muskulatur für den Haltungsaufbau alleine genügen würde, müsste die wissenschaftliche Befundlage eindeutig sein. Sie ist es aber nicht! Dazu einige Befunde:

  • Toppenberg & Bullock (1986) sowie Gajdosik et al. (1991) untersuchten den immer wieder behaupteten Zusammenhang zwischen einem nach vorn gekippten Becken und der Dehnfähigkeit der hinteren Oberschen- kelmuskulatur. Sie fanden keinen Zusammenhang zwischen beiden Para- metern.
  • Wiemann et al. (1998) und Klee et al. (2002) untersuchten in Trainings- experimenten, ob durch Dehnungen die Beckenkippung beeinflusst werden kann. Als Folge ihrer Untersuchungen empfehlen sie ein Krafttraining anstatt einem Dehnungstraining, wobei auch bei dieser Vorgehensweise die Effekte bzgl. der Beckenkippung nur gering sind.
  • Winchenbach (2003) untersuchte den Zusammenhang von Kraftparame- tern der Hüftbeugemuskulatur und einem Haltungsindexes - auch er fand keinen Zusammenhang zwischen beiden Parametern. 
  • Jonsson & Nachemson (2000) konnten nachweisen, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen Haltungsabweichungen (außer schwerer Skoliose) und Rückenschmerzen gibt.

Als Resümee bleibt nur die Forderung nach weiterer Forschung - und die Warnung vor voreiligen Schlüssen und Handlungen!

Quelle: Optimales Dehnen - Sport - Prävention - Rehabilitation

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