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Sport und Psyche in Zeiten von Corona

20.04.2020
 - Irina Strohecker

Oliver Stoll
Oliver Stoll

Kommen Ausdauersportler leichter durch die Corona-Krise? Viele werden in der Krise zu Läufern. Warum, erklärt Sportpsychologe und Spitta-Autor, Prof. Dr. Oliver Stoll, im Interview mit Irina Strohecker. Sie hat ihn außerdem gefragt, wie man das Trainingspensum der Pandemie anpasst und die Motivation trotzdem aufrecht erhält...

Jede Minute gibt es Schreckensnachrichten, neue Zahlen zu Infizierten und Toten, das macht vielen Angst. Wie kann man mit dieser Angst umgehen?

Ausdauersportler sind in dieser Zeit privilegiert, denn wir Läufer gehören nicht unbedingt zur Risikogruppe. Wer seit einem Jahr regelmäßig läuft, erfreut sich eines gesunden Herz-Kreislaufsystems und hat eine gute Lungenfunktion. In der Regel haben wir Läufer auch ein intaktes Immunsystem. Wir kommen also ganz gut durch die Krisenzeit.

Sollten wir unser Training anpassen, um uns bloß nicht zu erkälten?

Ja, wir sollten umdenken in Bezug auf Intensität. Nicht zu hart trainieren: moderat intensiv. Ich selbst habe mein Training nicht umgestellt, da ich sowieso keine intensiven Einheiten trainiere. Ich bin seit über zwei Jahren Streakrunner, laufe also jeden Tag, aber immer moderat.

Was können wir tun, wenn wir vom Nachbarn schief angeschaut werden, weil wir schon wieder laufen – in dieser Pandemie-Krise, in der viele nicht vor die Haustür gehen?

Ich kenne das gut, weil ich Streakrunner bin. Da gibt es manchmal böse Blicke. Aber im Moment fällt mir das nicht auf. Ich finde, in meiner Heimat sind alle noch halbwegs vernünftig. Ich hoffe aber nicht, dass der Tag kommt, an dem mich die Polizei auf meiner Laufrunde anhält?

Was können wir gezielt beim Lauftraining tun, um unserer Psyche etwas Gutes zu tun?

Eigentlich nur laufen, wie bisher. Die antidepressive Wirkung des Laufens ist sehr gut belegt. Es wirkt sich positiv auf unsere Stimmung aus.

Was können wir über das Laufen hinaus für unsere Psyche tun?

Auf uns achtgeben und uns mit Menschen umgeben, die uns guttun. Es ist wichtig, vor allem bei Home Office, dem Tag eine Struktur zu geben. Damit haben jetzt viele, die zu Hause arbeiten, eventuell ein Problem. Denn in ihrem normalen Berufsalltag sind sie unter Menschen, im Büro, wo es eine vorgegebene Struktur gibt. Die ist jetzt plötzlich weg. Das kann man aber auffangen mit einer Zielsetzung. Dazu kann man auch das Laufen gut einsetzen. Zum Beispiel kann man sich am Vortag ein Arbeitsziel für den nächsten Tag vornehmen und dann in der Pause laufen gehen, um den Arbeitstag in verschiedene Bereiche einzuteilen.

Wie wirken die Ausgangs- und Abstandsregeln auf unsere Psyche: eineinhalb Meter Abstand voneinander, maximal zu zweit auf der Laufrunde. Wenn einer von beiden hustet, fürchtet sich der andere. Untergräbt das nicht soziales Verhalten?

Nein. Ja, es ist ein krasses Umstellen. Aber dazu muss man einen Aspekt unserer menschlichen Psyche bedenken. Wir Menschen haben zwei Zonen der Nähe: Die eine ist nur gering, nämlich 30 Zentimeter Abstand. So nah an uns ran lassen wir in der Regel aber nur ganz vertraute Menschen, wie Familie und engste Freunde. Das ist ganz wichtig für uns; sozusagen ein Sicherheitsabstand. Dann gibt es die zweite, weitere Zone von bis zu einem Meter. Das ist, was wir gewohnt sind; so verhalten wir uns mit Fremden. Diese Zone lässt sich problemlos ein bisschen ausdehnen, das ist ein Lernprozess. Es geht nicht von heute auf morgen, aber da gewöhnen wir uns dran.

Auf meiner Hausrunde treffe ich Jogger, die ich zuvor nie gesehen habe. Bringt die Krise die Leute zum Laufen?

Das ist auch mein Eindruck. Wir machen eine Studie dazu: Gemeinsam mit vielen anderen Universitäten untersuchen wir die Aktivität vor, während und nach der Corona-Pandemie. Mal abwarten, was da raus kommt. Klar ist, dass der eingefleischte Couch-Potato sicherlich auch in der Krise nicht zum Läufer wird. Aber es passiert eine Verlagerung. Alle Sporthallen, Schwimmbäder und Fitness-Studios sind geschlossen. Es kommen somit Leute auf die Laufrunde, die zuvor einer anderen Sportart nachgingen.

Mir fällt dies bei allen unkompliziert auszuführenden Sportarten auf, also auch dem Radfahren. Die Leute gehen raus, radeln oder laufen vermehrt...?

Ja, das beobachte ich auch. Mal sehen, was die Daten dazu hergeben werden. Vielleicht gehen wir ja sogar fitter aus der Krise hervor...

Bringt die Krisenzeit für Sie persönlich auch positive Entwicklungen mit sich?

Ja. Zwei Dinge: Zum einen musste ich mich jetzt mit digitalen Medien auseinandersetzen. Denn unser Sommersemester hat begonnen und die Lehre wurde komplett auf digital umgestellt. Ich habe mich drei bis vier Wochen eingearbeitet und halte nun Videokonferenzen. Das war früher für mich unvorstellbar. Ich sehe dies als persönliche Weiterentwicklung an. Das zweite ist die Folge vom ersten: Mein Leben hat sich dadurch entschleunigt, was ich schön finde. Früher bin ich viel gereist, um mich mit meinen Kollegen über den Wissensstand auszutauschen. Momentan läuft das digital ab. Mein Leben ist dadurch ruhiger geworden und ich habe mehr Zeit für Hobbys, wie zum Beispiel Laufen.

Das komplette Interview finden Sie bei dem Magazin Runner's World:

Oliver Stoll

Professor für Sportpsychologie und Sportpädagogik an der Universität Halle-Wittenberg bei Leipzig (www.sport.uni-halle.de/arbeitsbereiche/sportpsychologie). Neben seiner akademischen Tätigkeit ist er sportpsychologischer Berater des Leistungssports (Nationalmannschaft, Olympia, Verband, Marathonelite) und Autor wissenschaftlicher Bücher. Momentan ist Oliver Stoll zudem ein gefragter Experte zum Thema "Psyche und Sport" in Zeiten von Corona.

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